Psychologie der Interessenskonflikte, oder: warum wir alle beeinflussbar sind

Immer wieder erzählen uns Betroffene von ihren Erlebnissen mit Ärzten, die den Eindruck erwecken, dass Interessen Dritter, z.B. der Pharmaindustrie, wichtiger zu sein scheinen als ihre Gesundheit. Wie sonst sollte man sich erklären, dass Präparate mit einem gewaltigen Nebenwirkungspotential Patienten mit wissenschaftlich nicht haltbaren Versprechungen wie einer Heilung von MS oder, noch schlimmer, mit Drohungen geradezu „aufgedrückt“ werden. Und dass auch noch bei Patienten, bei denen der aktuelle Krankheitsverlauf den Einsatz solch eines Präparates gar nicht notwendig macht. Sind diese Ärzte einfach alle von der pharmazeutischen Industrie „gekauft“? So einfach ist das gar nicht.

Georg Felser und David Klemperer haben sich mit den psychologischen Aspekten von Interessenskonflikten beschäftigt.1 Das ist sehr aufschlussreich.

Was sind Interessenskonflikte?

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V (AWMF), definiert einen Interessenskonflikt folgendermaßen: „Interessenkonflikte sind definiert als Situationen, die ein Risiko dafür schaffen, dass professionelles Urteilsvermögen
oder Handeln, welches sich auf ein primäres Interesse bezieht, durch ein sekundäres Interesse unangemessen beeinflusst wird.“2 Das bedeutet beispielsweise, dass bei medizinischen Berufen wie z.B. Ärzten, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten oder Ernährungsberatern die von Interessenskonflikten betroffen sind, die Gefahr besteht, dass sie den Nutzen einer therapeutischen Intervention überbewerten und den Schaden dieser Intervention unterschätzen. Aber wie funktioniert das? Das Verhalten von Menschen folgt häufig vorhersehbaren Mustern; das heißt, ein bestimmtes Auslösemerkmal führt automatisch zu einem bestimmten Verhalten. Wir kennen das aus alltäglichen Entscheidungsprozessen. Würden wir in wirklich jeder Situation erst einmal gründlich nachdenken, wären wir nicht mehr handlungsfähig. Wir fokussieren uns also meistens auf einige Schlüsselmerkmale und handeln dann automatisch. Das Gegenteil dieser automatischen Prozesse ist das kontrollierte Verhalten, das bedeutet, erst nach einer gründlichen Analyse aller Informationen zu handeln. Je nachdem, wie relevant eine Entscheidung für uns als Person ist, ob wir unser Gegenüber als Experten anerkennen oder ob eine Informationen unseren Erwartungen, beziehungsweise unseren persönlichen Interessen widerspricht, entscheiden wir uns automatisiert oder kontrolliert. Genau dieses automatisierte Verhalten bezeichnen die Autoren als „Waffe der Einflussnahme“. Wir wollen uns ein paar dieser „Waffen“ einmal genauer ansehen.

„Motivierte Evaluation“

Generell kommen Menschen bevorzugt zu einem Urteil, das ihnen angenehmer ist, und nehmen eher die Merkmale einer Situation wahr, die mit den eigenen Interessen übereinstimmen. Gibt es mehrere Entscheidungs- oder Schlussfolgerungsmöglichkeiten, prüfen wir die Informationen, die zu einer für uns vorteilhafteren Entscheidung oder Schlussfolgerung führen, weniger streng, akzeptieren sie schneller, nehmen sie besser wahr und geben ihr mehr Gewicht. Bei Entscheidungen oder Schlussfolgerungen, die für uns unangenehme Konsequenzen hätten, ist es genau umgekehrt. Wir nehmen diese deutlich schlechter wahr, prüfen sie ganz genau nach und akzeptieren sie weitaus schwerer. Wie wirkt sich das jetzt im medizinischen Bereich aus? In einer Studie von Wang et al. zeigte sich, dass Ärzte die lebensgefährlichen Effekte eines Diabetes-Medikamentes anders bewerteten, abhängig davon, ob finanzielle Interessenskonflikte vorlagen oder nicht.3 Wer keine Interessenskonflikte hatte, riet von einer weiteren Verordnung ab, wohingegen Ärzte mit Interessenkonflikten an der Gefährlichkeit zweifelten und den weiteren Einsatz empfahlen.

„Reziprozität“

In allen bekannten Kulturen gibt es die soziale Regel, dass man Geschenke oder Hilfeleistungen, die man von anderen Personen erhält, erwidern muss. Diese so genannte Reziprozitätsregel ist tief in der Gesellschaft verankert und sorgt dafür, dass ein Geschenk ein Gefühl der Verpflichtung zur Erwiderung auslöst. Wie gut diese Regel wirkt, bestätigt eine Vielzahl an psychologischen Experimenten4 in denen man zeigen konnte, dass selbst kleine, praktisch wertlose Geschenke mit dem Slogan eines bestimmten Medikamentes dafür sorgten, dass Ärzte dieses Medikament anders bewerteten. Weiterhin gilt bei der Reziprozität, dass es die Tendenz gibt, kleine Geschenke mit etwas Größerem zu erwidern. Und dieser Mechanismus wirkt selbst, wenn wir die Person, die uns beschenkt, nicht leiden können oder nicht um das Geschenk gebeten haben. Die Möglichkeiten, diesen Mechanismus systematisch ausnutzen, sind vielfältig und weit verbreitet. In der Praxis passiert das zum Beispiel durch Werbegeschenke, die kostenfreie Bereitstellung von Personal – zum Beispiel der so genannten MS-Schwestern, die durch die pharmazeutischen Firmen bereitgestellt werden – oder scheinbare Banalitäten wie Gratisverpflegung auf großen Fachtagungen.

„Der fundamentale Attributionsirrtum“

Aber wenn man um diese Mechanismen weiß, fällt man doch sicher nicht mehr darauf hinein! Leider ist die Antwort hier ganz klar nein. Die Forschung hat gezeigt, dass weder die Einsicht in die Mechanismen der Beeinflussung noch psychologisches Fachwissen ausreichen, um Verzerrungen abzumildern oder ganz aufzuheben. Aber wie kommt das? Eines der zentralen Probleme bei einer verzerrten Urteilsbildung ist, dass der Urteilende glaubt, von der Verzerrung nicht betroffen zu sein. Er unterliegt dem fundamentalen Attributionsirrtum.5 Diese Grundmaxime des menschlichen Bewertens sagt vereinfacht gesagt Folgendes: Wir nehmen an, dass unser Verhalten, aber auch das Verhalten anderer Personen, im Wesentlichen von den im Individuum liegenden Eigenschaften bestimmt wird. Situative Faktoren ignorieren wir dabei zum großen Teil. Ein Beispiel: Treffen wir eine Person im Supermarkt, die uns unfreundlich behandelt, schieben wir automatisch ihr Verhalten auf ihren Charakter. Äußere Faktoren, beispielsweise ob diese Person gerade eine belastende Nachricht erhalten hat oder überarbeitet ist, kommen uns dabei nicht in den Sinn. Diese Zuversicht, dass unser Handeln und Bewerten unbeeinflussbar ist, ist der gefährlichste Fehler von allen, denn erst er ermöglicht das Wirksamwerden anderer „blinder Flecken“, beziehungsweise Verzerrungen. Denn wenn wir nicht glauben, dass wir beeinflussbar sind, sehen wir es nicht als Problem, Werbegeschenke anzunehmen oder pharmafinanzierte Weiterbildungen zu besuchen. Aber diesem Mechanismus unterliegen wir als Betroffene genauso wie Ärzte. Wie wäre es sonst zu erklären,
dass Betroffene, die den Versprechen der pharmazeutischen Industrie und den diesbezüglichen Interessenskonflikten von Neurologen persönlich sehr kritisch gegenüberstehen, auf der anderen Seite unkritisch akzeptieren, dass selbst ernannte „Experten“ im Internet unbelegte Zusammenhänge als Fachwissen präsentieren6, obwohl sie davon finanziell profitieren, etwa weil sie ein Buch vermarkten, sich als Influencer betätigen oder gut dotierte Vorträge halten?

Fazit

Momentan werden grundlegende Erkenntnisse der Kognitionspsychologie innerhalb der Medizin noch kaum oder gar nicht genutzt. Beispielsweise ist es nach wie vor Standard, dass immer wieder Leitlinien von Autoren mit massiven Interessenskonflikten erstellt werden oder Pharmavertreter „bewaffnet“ mit einer Vielzahl hübscher Werbegeschenke in Praxen und Krankenhäusern ein- und ausgehen. Dies birgt das Risiko, dass statt wissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse die Interessen Dritter Entscheidungen und Handlungen mitbestimmen. Keiner von uns ist sicher vor dieser Art von Mechanismen, sie betreffen alle Menschen, egal wie intelligent oder gebildet sie sind. Es gibt nur eine Möglichkeit, uns davor zu schützen und das ist, die Rahmenbedingen zu ändern. So müsste für alle Therapeuten gelten: Keine Werbe-Geschenke annehmen, keine Besuche von Pharmavertretern in der Praxis erlauben, keine pharmafinanzierten Weiterbildungen besuchen. Jetzt ist es an den führenden Institutionen, aber auch an den einzelnen Ärzten, diese Erkenntnisse umsetzen. Zu behaupten: „Mich betrifft das alles nicht“, ist, wie oben beschrieben, nicht nur eine schlechte Ausrede, es stimmt auch einfach nicht.

Christiane Jung

 

Quellen   [ + ]

1. G. Felser und D. Klemperer: „Psychologische Aspekte von Interessenkonflikten.“ In: K. Lieb., D. Klemperer, WD. Ludwig (Hrsg): Interessenkonflikte
in der Medizin. Springer, Berlin, Heidelberg, 2011.
2. AWMF online: „Leitlinien – Erklärung von Interessen und Umgang mit Interessenkonflikten bei Leitlinienvorhaben“, in: https://www.awmf.org/leitlinien/awmf-regelwerk/ll-entwicklung/awmf-regelwerk-01-planung-und-organisation/po-interessenkonflikte/interessenskonflikte.html, o.J.[25.03.2020].
3. AT. Wang et al.: „Montori VM Association between industry affi liation and position on cardiovascular risk with rosiglitazone: cross sectional systematic review.“ In: BMJ, 2010, 340: c1344.
4. D. Grande et al.: „Effect of exposure to small pharmaceutical promotional items on treatment preferences.“ In: Archives of Internal Medicine, 2009; 169, S. 887–93.
5. D. Gilbert: „Attribution and interpersonal perception“. In: A. Tesser (Hrsg): Advanced social psychology. McGraw-Hill, New York, 1995, S. 99–147.
6. Online-kongresse.info: Multiple Sklerose Online Kongress, in: https://online-kongresse.info/events/multiple-sklerose-kongress/ o.J. [31.03.2020].