Etikettenschwindel

Lange haben MS-Betroffene mit chronisch progredientem Verlauf auf ein Medikament gewartet, das die Progression bei SPMS verringern sollte und Novartis hat für das Medikament Mayzent® ordentlich und lange die Werbetrommel gerührt. Nun stellt sich heraus: Der Wirkstoff Siponimod hält die chronische Progredienz gar nicht auf.

Die ersten verheißungsvolle Meldungen zur Wirksamkeit von Siponimod (Mayzent®) auf die sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS) gab es schon 2016 im Netz.1 Dabei hatte nur eine einzige Phase-III-Studie3 bei Patienten mit SPMS, die EXPAND-Studie4, einen nur geringen positiven Effekt auf das Verhindern der Behinderungsprogression gezeigt: mit Placebo erlebten 32% der Studienteilnehmer während der Studienlaufzeit eine Behinderungsprogression, mit Siponimod nur 26%. Es profitierten also, in absoluten Zahlen, lediglich 6% der mit Siponimod behandelten SPMS-Betroffenen von der Medikation. Erst im Januar 2020 konnte sich die europäischen Arzneimittelbehörde EMA dazu durchringen, für Siponimod eine Zulassung zu erteilen, allerdings eingeschränkt auf eine Untergruppe der SPMS-Betroffenen, nämlich diejenigen mit Krankheitsaktivität, nachgewiesen durch Schübe oder Bildgebung (MRT) der entzündlichen Aktivität. SPMS-Betroffenen ohne solche Aktivität, deren Verlauf allein durch die neurodegenerative Komponente geprägt ist, soll Siponimod gar nicht verordnet werden.

Was Gilenya schon nicht konnte…

Siponimod ist eine Tablette und gehört zur Gruppe der Sphingosin-1-Phosphat (S1P)-Rezeptor-Modulatoren, zu der auch Fingolimod (Gilenya®) gehört. Gilenya ist für die Behandlung der hochaktiven, schubförmig-remittierenden Multiple Sklerose (RRMS) zugelassen. Es bewirkt, dass T-Lymphozyten in den Lymphknoten zurückgehalten werden und somit nicht ins zentrale Nervensystem übertreten können, um sich dort am Entzündungsprozess der MS zu beteiligen. Es wirkt also immunsuppressiv. Fingolimod war zwar nicht für die SPMS, aber für die primär progrediente MS (PPMS) untersucht worden, erbrachte dort jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis.2 Siponimod wird vom selben Hersteller produziert und soll ein wenig spezifischer für den S1P-Rezeptor sein, der bei MS eine Rolle spielt, aber prinzipiell wirkt es identisch zu Fingolimod. Wir hatten schon anhand von Ocrelizumab erklärt, dass alle zugelassenen Immunsuppressiva auch bei chronisch progredienten MS-Formen immer nur über die Verminderung der entzündlichen Krankheitskomponente wirken, aber die Neurodegeneration nicht vermindern können.5 Dieses Prinzip hat sich bei Siponimod erneut bestätigt.

Die Zulassungsstudie EXPAND schloss dann alle SPMS-Patienten ein, gleichgültig ob zusätzlich Schübe vorlagen oder nicht, sofern eine chronisch Behinderungsprogression nachweisbar war. Die Produktinformation der EMA zu Mayzent, der so genannte EPAR, enthält genauere Informationen zur Zusammensetzung der untersuchten Patienten.6 Von insgesamt 1651 randomisierten Patienten (1105 mit Siponimod, 546 mit Placebo) gehörten 779 Patienten zur Untergruppe der Patienten mit Krankheitsaktivität (Schübe und/oder MRT-Aktivität) und 827 Patienten zur Subgruppe ohne Krankheitsaktivität. Lediglich in der Gruppe mit zusätzlicher entzündlicher Krankheitsaktivität wurde eine Verminderung des Risikos der Behinderungsprogression durch Siponimod nachgewiesen, nicht aber in der Gruppe der Patienten, deren Behinderungsprogression allein durch Neurodegeneration zustande kam. Folgerichtig wurde Siponimod von der EMA nur für genau diese eingeschränkte SPMS-Untergruppe zugelassen.

Das Nebenwirkungsspektrum von Siponimod entspricht dem von Fingolimod. Durch eine „Auftitration“ der Dosis7 bei Behandlungsbeginn vermeidet man bei Siponimod zwar die aufwändige Überwachung der Herzfunktion am Anfang, dafür muss man aber vor Therapiebeginn eine genetische Untersuchung vornehmen, weil es Menschen gibt, die Siponimod verlangsamt abbauen, so dass die Substanz sich im Körper anreichern kann. Je nach genetischem Befund muss Siponimod dann in verringerter Dosierung gegeben oder darf überhaupt nicht angewandt werden. Ansonsten bestehen, wie bei Fingolimod, erhöhte Risiken für Infektionen, abgeschwächte Impfantworten, Makulaödem8, Herznebenwirkungen, erhöhte Leberwerte, Hautkrebs, neurologische und psychiatrische Symptome, Krampfanfälle und Fehlbildungen bei Einnahme in der Schwangerschaft. Eine Verschlimmerung der Krankheitsaktivität nach dem Absetzen, die bei Fingolimod bekannt ist, kann auch hier nicht ausgeschlossen werden. Siponimod soll nach vorheriger Alemtuzumab-Behandlung nicht verordnet werden.

Was also bleibt von den Versprechungen übrig?

Als neu zugelassenes Medikament für Multiple Sklerose musste Siponimod noch das Verfahren der Frühen Nutzenbewertung nach § 35a SGB V beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) durchlaufen. Die Daten aus der Zulassungsstudie EXPAND wurden vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) unter dem Gesichtspunkt untersucht, ob Siponimod bei Patienten mit SPMS mit Krankheitsaktivität einen Zusatznutzen zu einer vorab definierten zweckmäßigen Vergleichstherapie hat. Zu diesem Zweck wurde eine Unterteilung vorgenommen in SPMS-Patienten, die nur MRT-Aktivität, aber keine Schübe hatten, und solche, die auch Schübe hatten. Für diejenigen ohne Schübe diente eine bestmögliche symptomorientierte Therapie als Vergleichstherapie, weil es hier kein zugelassenes Medikament gibt. Für diejenigen mit Schüben war als Vergleichstherapie entweder ein Interferon oder Ocrelizumab vorgegeben, die für die SPMS mit Schüben zugelassen sind.

Am 15. Mai 2020 veröffentlichte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) seinen Bericht.9 Weil die EXPAND-Studie Siponimod nur gegen Placebo und die bestmögliche symptomorientierte Therapie verglichen hatte, war von vornherein klar, dass Siponimod aufgrund fehlender Daten keinen Zusatznutzen für Betroffene mit SPMS und Schüben nachgewiesen haben kann. Interessant war die zweite Gruppe, Betroffene mit SPMS, deren Aktivität vor Studieneinschluss nur in der MRT nachweisbar war. Für diese Untergruppe ergab sich aus den EXPAND-Daten jedoch auch kein Zusatznutzen, weil Siponimod im Vergleich zu einer rein symptomorientierten Behandlung zu keiner Verminderung der Behinderungsprogression führte. Das bedeutet, dass Siponimod bei SPMS-Betroffenen, deren Krankheitsaktivität nur in der MRT erkennbar ist, keinen Nutzen zu haben scheint.

Bleibt die Frage, wann SPMS-Betroffene denn auf Siponimod eingestellt werden sollen. Prinzipiell geht einer SPMS ja immer eine RRMS voraus, und bisher wurde es so gehandhabt, dass in diesen Fällen die vorherige Immuntherapie, wenn sie denn gut verträglich war und gleichzeitig das Schubgeschehen unterdrückt hatte, einfach fortgeführt wurde, so lange man noch Schübe bei den Patienten befürchtete. Ein Immuntherapiewechsel auf Siponimod birgt in dieser Situation durchaus auch Risiken, z.B. ein Wiederaufflackern der Schubaktivität, oder eine Unverträglichkeit des neuen Medikamentes. Es gibt aber auch die SPMS-Fälle, die unter einer sehr lange durchgeführten Basistherapie langsam und ohne neue Aktivitätszeichen in die SPMS übergegangen sind. Hier sollte man einfach erst einmal die Basistherapie absetzen und abwarten, ob es überhaupt noch zu Schüben kommt, bevor man Betroffenen ein neues Nebenwirkungsrisiko ohne Nutzen zumutet. Eine Umstellung auf Siponimod erscheint allenfalls vertretbar, wenn die Betroffenen unter der Vortherapie weiterhin belastende Schübe erlebt hatten, und ohnehin ein Wechsel abgestanden hätte.

Fazit

All diese Erkenntnisse sind leider nicht überraschend. Eine Immuntherapie kann, bekanntermaßen, nur entzündliche Aktivität verhindern. Da Schübe sich teilweise zu einem Fortschreiten der Behinderung führen, wird durch die Verhinderung von Schüben den Betroffenen nur in geringem Ausmaß Behinderung erspart. Für die SPMS mit Schüben gibt es bereits zugelassene Immuntherapien, und bei SPMS ohne Schübe nutzen Immuntherapien gar nichts. Der eigentliche Bedarf der Betroffenen mit SPMS, gleich ob sie noch entzündliche Aktivität zeigen oder nicht, läge bei einer günstigen Beeinflussung der Neurodegeneration, da diese ausschlaggebend ist für die langfristige Behinderungsprognose. Genau das kann Siponimod nicht leisten. Insofern füllt Siponimod nicht die große therapeutische Lücke der progredienten MS-Verläufe, und das voreilige Hochjubeln hätte man sich lieber sparen sollen.

Jutta Scheiderbauer

Quellen   [ + ]

1. siehe: Deutsche Gesellschaft für Neurologie: „Update Multiple Sklerose: Die therapeutischen Möglichkeiten erweitern sich“, in: https://idw-online.de/en/attachmentdata50998.pdf, o.J. [21.05.2020], Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.: „SIPONIMOD: NEUE THERAPIEOPTION FÜR DIE SEKUNDÄR PROGREDIENTE VERLAUFSFORM DER MULTIPLEN SKLEROSE?“, in: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/ms-forschung/siponimod-neue-therapieoption-fuer-die-sekundaer-progrediente-verlaufsform-der-multiplen-sklerose/, 30.08.2016 [21.05.2020] und Borsch, Julia: „Novartis bringt Mittel gegen sekundär progrediente MS auf den Weg“, in: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/10/08/novartis-bringt-mittel-gegen-sekundaer-progrediente-ms-auf-den-weg, 08.10.2018 [21.05.2020].
2. Lublin, F, et al., Oral Fingolimod in Primary Progressive Multiple Sclerosis (INFORMS): A Phase 3, Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial. Lancet. 2016 Mar 12;387(10023):1075-1084.
3. Das sind aufwändige Studien in der Arzneimittelentwicklung, die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Medikamentes im Vergleich zu der bisherigen Standardtherapie nachweisen sollen, damit die Marktzulassung erteilt wird.
4. Kappos, L. et al., Siponimod versus placebo in secondary progressive multiple sclerosis (EXPAND): a double-blind, randomised, phase 3 study. Lancet 2018; 391: 1263–73.
5. siehe: Jutta Scheiderbauer: „Ein Armutszeugnis“, in: http://ms-stiftung-trier.de/ein-armutszeugnis/, 21.02.2019 [21.05.2020].
6. European Medicines Agency: „Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels“, in: https://www.ema.europa.eu/en/documents/product-information/mayzent-epar-product-information_de.pdf, o.J. [21.05.2020].
7. langsame Dosissteigerung
8. Sehstörung durch Wassereinlagerung am Ort des schärfsten Sehens in der Netzhaut
9. IQWIG: „Siponimod (multiple Sklerose) – Nutzenbewertung gemäß § 35a SGB V“, in: https://www.g-ba.de/downloads/92-975-3527/2020-02-15_Nutzenbewertung-IQWiG_Siponimod_D-513.pdf, 13.05.2020 [21.05.2020].