Frau Adrian ist empört

Ein schlimmes Buch: die einzige Erkenntnis von „Mutwilliges Schweigen – Die MS-Lüge oder: Die wahren Ursachen der Multiplen Sklerose“ ist, wie Wissenschaftsleugnung funktioniert.

Wenn MS-Betroffene sich, oft erst Jahre nach der Diagnose, von der Schulmedizin abwenden, weil sie das Gefühl haben, dort nicht gut aufgehoben zu sein, weil Medikamente nicht wirken oder man ihnen gar nicht zuhört, sind Zorn und Enttäuschung groß. Ein Problem, dass wir auch aus vielen Beratungsgesprächen kennen. Problem deshalb, weil der Eifer, mit dem sie zuvor alle Medikamente akzeptiert haben, nun in eine ausführliche Online-Recherche, alternative Heilmethoden und Verschwörungstheorien gesteckt wird. Ähnlich muss es auch bei Susanne Adrian gewesen sein. Ob das ihr richtiger Name und sie selbst MS-Betroffene ist, wissen wir nicht, aber sie hat ein Buch veröffentlicht, nachdem ihre geliebte Birgit, „MS-Patientin, bis 6 Wochen vor ihrem Tod unter Tysabri-Therapie“, verstarb, weil die Schulmedizin den „Darmkrebs im Endstadium“ nicht erkannt hatte. Es ist ein zorniges Buch geworden, eines mit vielen Ausrufezeichen und einer gehörigen Portion Wissenschaftsleugnung.

Frau Adrian schreibt direkt zu Beginn des Buchs „Ich bin kein Arzt. Ich habe nicht studiert“. Sie habe aber gelernt, ihren Verstand einzusetzen und ihr Herz. Ohne Einleitung steigt sie direkt ein:  Die MS gebe es gar nicht, diese Symptome als Erkrankung zu bezeichnen, sei für sie eine „arglistige Täuschung“ und: „Nicht nur für MS, sondern für Autoimmunerkrankungen insgesamt und Krebs“ habe sie eine Erklärung. Ihre Qualifikation: „Man muss sich eben nur Fragen, woher das kommt“ (S.15). Dass es ihr also schlicht an wissenschaftlichem Hintergrund und Kompetenz mangelt, um über ein schwieriges Thema wie die Ursachen der Multiplen Sklerose zu schreiben, scheint die Autorin nicht zu stören. Sie tritt hier als „Privatforscherin“ auf und hat ihr Buch im Selbstverlag veröffentlicht, vermutlich, weil kein seriöser Verlag den Text veröffentlichen wollte. 

Schauen wir das Buch genauer an. Im ersten Teil der Arbeit zeigt sie, was sie sich an Wissen zum Thema MS angelesen hat. Zu Stichworten wie Diagnose und Symptome der MS, MRT, Schüben und Kortison trägt sie auch einige richtige Informationen zusammen. Dazwischen sind aber auch krasse Fehlinformationen, wie die Annahme, dass die MRT die Blut-Hirn-Schranke zerstören könne (S. 23), dass „jeder anfangs schubförmige MS-Patient im Laufe der Jahre in diese progrediente Krankheitsform über[geht]“ (S. 27) oder dass ALS (Amyothrophe Lateralsklerose) eine „Sonderform der MS“ sei (S. 30). 

Über die Kapitel verteilt greift die Autorin einige, für MS-Betroffene, interessante und wichtige Themen heraus, aber nutzt sie für ihre Zwecke:

Das Thema Darm wird genutzt, um ein Bedrohungsszenario zu entwickeln, obwohl ein Zusammenhang mit MS noch gar nicht erwiesen ist (siehe „Darm und MS“). Detailliert beschreibt sie Gefahren für den Darm, zeigt aber, dass sie das Thema letztlich gar nicht verstanden hat, wenn sie schreibt: „Wenn die Darmimmunzellen entzündet sind, sind es auch die Immunzellen im Gehirn!“ (S. 79). Andere Themen werden überdramatisiert. So findet sich ein richtiger Hinweis darauf, dass Studien und viele andere medizinische Information für Laien oft nicht verständlich sind. Um das zu verdeutlichen, hat sie sich einen der am wenigsten verständlichen Texte auf einer, eigentlich sehr überschaubaren und gut verständlichen, Webseite einer Forschungsgruppe zu „Neuromyelitis Optica“ ausgesucht. Daran schließt sie an: „Haben Sie es verstanden? Müssen Sie auch nicht! Es gibt genug Professoren die von solch einem Kauderwelsch ihren Lebensunterhalt finanzieren müssen…“ (S. 29). Es geht ihr nicht darum, den Missstand unverständlicher Informationen zu verbessern. Sie möchte einfach die Integrität der Betreiber dieser Webseite in Frage stellen. Der Text findet sich im Bereich „Studien“, ist also gar kein Kauderwelsch. Ein weiteres Beispiel dieser „Rosinenpickerei“ findet sich weiter hinten im Buch unter „Ursachen der MS“: hierzu zählt sie auch das Schwermetall Blei und nennt dazu alle durch Blei ausgelösten Gesundheitsschäden, die sie finden konnte: „Enzephalopathie (Erkrankung oder Schädigungen des Gehirns) mit Symptomen der chronischen Erschöpfung, Kopfschmerzen, Desorientierung, Schlaflosigkeit, Erbrechen, Apathie, Stupor, Überaktivität und Aggressivität. Außerdem: Krebserkrankungen, Stuhlverstopfung oder Inkontinenz (durch Lähmung peripherer Nerven), Zeugungsunfähigkeit, Frühgeburten, Schäden in der geistigen Entwicklung bei Kindern“ (S. 100). Die MS ist gar nicht dabei. Und dass Blei die Gesundheit schädigt, ist hinlänglich bekannt. Darüber hinaus sind Menschen heute kaum noch direkt Blei ausgesetzt. Zu diesem Thema gibt es keine Kontroverse, aber genau diese würde die Autorin damit gern provozieren. 

Dem Thema „Immuntherapien“ widmet sie ein großes Kapitel. Hier betrachtet sie alle, ihr bekannten, MS-Medikamente sehr ausführlich, vor allem deren Nebenwirkungen. Dabei macht sie deutlich: „Es wird nichts therapiert (geheilt) – es wird im Auftrag der Pharmaindustrie krank gemacht“ (S. 37). Die Autorin empfiehlt eine Vielzahl von alternativen Behandlungsmethoden darunter gesunde Ernährung mit wenig Zucker und Alkohol, auch Schwermetallausleitung, Kurkuma und Quantenheilung. Dennoch rät sie nicht dazu: „ihre derzeitige Therapie sofort zu beenden“, denn „schulmedizinische Behandlung ist in Akutfällen sehr wichtig und richtig“ (S. 141). Solche sich widersprechenden Informationen zu verwenden, stört die Autorin offensichtlich nicht. 

Im zweiten Teil des Buchs nimmt sich Frau Adrian die vermeintlichen Ursachen der MS vor und unterliegt einem Denkfehler, der ihre Argumentation völlig wertlos macht: sie wirft Krebs und MS in einen Autoimmunerkrankungen-Topf und glaubt daher, dass Studienergebnisse, die für Krebs gelten, auch für MS funktionieren müssen. Als wichtige Ursachen für MS nennt sie „Elektrosmog“ (u.a. Smartphones, WLAN, Mikrowellen) und „Umweltgifte“, z.B. Weichmacher (S. 62ff). Für beides gibt es offensichtlich nur Hinweise auf einen Zusammenhang mit Krebserkrankungen. Aber auch von Krebs hat sie keine Ahnung, wie sie mehrfach deutlich macht: „Krebspatienten können durch Sonnenlicht, gesunde Nahrung (auch Nährstoffe, die ihnen ganz bewusst verschwiegen werden), Seelenfrieden und alternative Heilkunde ihren Krebs ausheilen. Wenn es nur erlaubt wäre!“ (S. 139) und „Nach diverser Literatur diesbezüglich bin ich sowieso der Meinung, dass die meisten Krebs-Patienten an den Folgen der Chemotherapie verssterben und nicht an ihrer Krebserkrankung“ (S. 43). Diese diverse Literatur ist die von Ryke Geerd Hamer und seiner „Germanischen Neuen Medizin“, die Antisemitismus mit einer wirkungslosen Heilmethode bei Krebs verbindet und Chemotherapie ablehnt.

Die Begeisterung der Autorin für Wissenschaftsleugner wird im zweiten Teil des Buches dann ganz deutlich. Da geht es um Impfungen und sie bedient sich großzügig bei den Argumentationen der Impfgegner. Sie schreibt: „Impfungen haben keine Krankheiten ausgerottet“ (S. 108) oder: „Inhaltsstoffe von Impfungen stehen im Zusammenhang mit Autoimmunkrankheiten, Krebs und vor allen Dingen Multiple Sklerose“ (S. 111). Für beides kann sie keine Quellen nennen. Völlig bedeutungslose Ärzte aus dem Umfeld der Impfgegner werden in diesem Kapitel zitiert und als Autoritäten angeführt. Zum Schluss geht es noch um AIDS. Warum spricht sie über AIDS? „Neben der MS ist ein weiteres trauriges Beispiel die Erkrankung AIDS“ (S.122). Ahso. Danach folgen die bekannten Floskeln der AIDS-Leugner: das HI-Virus konnte nie isoliert werden, der HIV-Test taugt nichts, AIDS-Patienten sterben an der Therapie und nicht am Virus, etc.

Bereits der Titel macht deutlich, was das Buch bezweckt. Es geht hier nicht um Aufklärung oder Hilfe für MS-Betroffene, sondern darum, der Idee einer „MS-Lüge“ und anderen Wissenschaftsleugnern Raum zu geben. Eine Quälerei, es gehört auf eine Giftmülldeponie.

Nathalie Beßler