Hiob’s Botschaften

Trauer und Verlusterfahrung nach der Diagnose MS – Impulse aus dem Buch Hiob

Wie kann man auf die Idee kommen, zur Frage nach dem Umgang mit Trauer und Verlusterfahrungen bei einer chronischen Erkrankung wie MS auf das Buch Hiob (bzw. Ijob) Bezug nehmen zu wollen? Aus meiner Sicht gibt es durchaus ein paar Aspekte, die diesen Gedanken keineswegs absurd erscheinen lassen. Zunächst einmal ist es die Wucht der Konfrontation mit der Diagnose, die eine von MS betroffene Person erlebt. Im Buch Hiob ist es die Konfrontation Hiobs mit den bis heute noch sprichwörtlichen „Hiobsbotschaften“. Weiter ist es das Umfassende an Symptomatik und Verlusterfahrungen bei MS, die das Gesamte menschliche Sein zu betreffen scheinen. Gleichermaßen geht es auch im Buch Hiob um eine existenzielle Erschütterung durch Verlusterfahrungen, die die gesamte Person, einschließlich körperlicher Gesundheit und sozialer Beziehungen, betreffen. Zum dritten ist es aber auch die beschriebene Unsicherheit, die mit dieser Erkrankung einhergeht und die auch die Situation Hiobs kennzeichnet: „Weder der Verlauf der Krankheit, noch die Schwere oder die Art der Symptome können beim Einzelnen vorausgesagt werden – das einzig Sichere an dieser Krankheit ist die Unsicherheit.“ (Strittmatter, MS aus psychologischer Sicht). Noch viel bedeutsamer aber als einzelne Zusammenhänge scheint mir, dass das Buch Hiob Ansätze zur Bewältigung existenzieller Verlusterfahrungen, wie wir sie bei MS ausmachen können, bereithält, die weit über einen fachspezifischen Blick hinausgehen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass dieses Buch, so wie es uns heute im Alten Testament begegnet, einen langen Entstehungs- und Entwicklungsprozess durchlaufen musste. In seinen Ursprüngen geht das Buch Hiob bis auf altorientalische Traditionen zurück, die mehr als 3000 Jahre alt sein dürften. Erfahrungen leidender und von existenziellen Verlusterfahrungen betroffenen Menschen haben Eingang in dieses Buch gefunden, bis dieses seine endgültige Fassung spätestens Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus gefunden hat. In dieser Form ist dieses Buch schließlich immer wieder zum Bezugspunkt und zum Trost leidender Menschen geworden, oft genug sicherlich auch zum „Anstoß“ in einem mehrdeutigen Sinn. Denn was das Buch nicht bereithält, ist eine einfache Antwort, kein Patenrezept, und vor allem auch keine schnelle Lösung. Darin ist dieses Buch ehrlich. Was das Buch Hiob dagegen vermittelt, ist eine Vielzahl von Impulsen zur Bewältigung von Trauer und Verlusterfahrungen, die vielleicht auch erst in ihrer Summe und in den zu durchlaufenden Prozessen ihre Wirkung entfalten können. Freilich gibt es auch Verständnisschwierigkeiten, die in der fremdartigen Sprache (hebräisch) und den Übersetzungsschwierigkeiten begründet sind, aber auch in einer Denkweise, für die Säkulares und Religiöses noch nicht getrennten Sphären angehört. Ich habe mich bemüht, im Folgenden das aus meiner Sicht Wesentliche zu extrahieren und zeitgemäß sowie praxis- und krankheitsrelevant darzustellen.

  1. Es kann jeden treffen

Die erste Erkenntnis, die uns das Buch Hiob bereits in der Rahmenhandlung zu Beginn vermittelt ist die, dass es nicht um eine Schuldfrage geht, insofern es jeden treffen kann. Selbst jemand, der ein scheinbar vollkommenes und über jeden Zweifel erhabenes und frommes Leben führt (wie Hiob!), kann von ganz existenziellen Verlusterfahrungen betroffen sein. Der klassische „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, wie er sonst im Alten Testament hochgehalten wird und auch heute noch als Erklärungsmodell dient, um ein gewisses Maß an scheinbarer Sicherheit aufrechtzuerhalten, funktioniert nicht mehr. Insofern es jeden Menschen treffen kann, gehören die Verlusterfahrungen als existenzielle „Grenzerfahrungen“ zur menschlichen Grundbedingung („condition humaine“). Festzuhalten ist: In der Klärung der Schuldfrage ist keine Lösung zu finden.

  1. An einen Sinn glauben

Ist meine Erfahrung existenzieller Verluste dann einer bloßen Willkür, einem Schicksal, dem Zufall geschuldet? Das Buch Hiob betritt eine Metaebene, zu der der Betroffene selbst, bis zum Ende des Buches, keinen Zugang hat. Eine „göttliche Ratsversammlung“ steht hinter diesen Erfahrungen. Hinter allem, das ist der Glaube, steht also doch ein Sinn. Die Psychologie zeigt, dass wir auf Sinn angewiesen sind, selbst wenn wir zu diesem Zweck unhaltbare Verschwörungstheorien (wie im Buch Hiob?) entwickeln müssen, und dass Sinn erst wirklich leidensfähig macht (Victor Frankl). Wir müssen Sinn-Zusammenhänge konstruieren, die über uns hinausweisen (weg von der Schuldfrage), auch wenn wir keinen Zugang zum letzten Sinn-Zusammenhang haben. Verlusterfahrungen sind insofern auch immer die Aufforderung, uns mit unserer Weltanschauung, Lebensphilosophie oder Spiritualität auseinanderzusetzen. Auf welche Wurzeln kann ich diesbezüglich in meinem Leben zurückgreifen? Mit welchen Biografien, Büchern, Filmen etc. sollte ich mich (noch einmal?) auseinandersetzen, um meinen Sinnerfahrungen und Überzeugungen nachzuspüren?

  1. Der Trauer Ausdruck geben

Grundsätzlich ist es wichtig, dass Verlusterfahrungen auch in der Trauer bzw. entsprechenden Trauerritualen ihren Ausdruck finden. Trauern ist im Gegensatz zu einer echten depressiven Entwicklung, die eher mit Erstarrung und Stillstand einhergeht, ein lebendiger Prozess, der mehr oder weniger auch typische Phasen durchlaufen kann (z.B. nach Verena Kast: Nicht Wahr-Haben-Wollen, Aufbrechende Emotionen, Suchen- und Sich-Trennen, Neuer Selbst- und Weltbezug). Bereits Konfuzius hatte darauf hingewiesen, wie hilfreich es ist, auf kulturell verankerte Rituale im Zusammenhang mit Verlusterfahrungen und Trauer zurückzugreifen. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen kommt bei Hiob in der frommen Floskel „der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen“ (1,22) zum Ausdruck, doch er kann auch auf kulturell verankertes Trauerverhalten zurückgreifen (das Gewand zerreißen, das Haupt scheren, Asche auf das Haupt streuen, 1,21; 2,12) bis schließlich die Emotionen unmittelbar aufbrechen und Hiob sogar den Tag seiner Geburt verflucht (3,1.2). Im Grunde lässt sich aber auch das gesamte Buch Hiob als ein Trauerprozess interpretieren, das seinen Abschluss schließlich in einem neuen Selbst- und Welt-, aber auch Gottesbezug findet (Kap.38-42). Für den Umgang mit Verlusterfahrungen in unserer heutigen Zeit müssen wir uns die Frage stellen, welche Trauerrituale uns noch bekannt sind und wie wir diese auf den Kontext von Verlusterfahrungen übertragen können (einen Abschiedsbrief schreiben? Ein geeignetes Symbol stellvertretend bestatten? …).

  1. Mit Kunst das Unaussprechliche zum Ausdruck bringen

Angesichts von Leid und Verlust fehlen oft genug die passenden Worte und macht sich Sprachlosigkeit breit. Das Buch Hiob ermutigt künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Hiob selbst wurde zum Schutzheiligen der Musiker erhoben. Von ihm heißt es (30,31): „Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden, und mein Flötenspiel zum Trauerlied.“ Aber auch das Buch Hiob insgesamt stellt sich als ein Kunstwerk dar. Abgesehen von der Rahmenerzählung ist der gesamte Text lyrisch gestaltet. Es wird damit angedeutet, dass ein Weg der Bewältigung von Verlusterfahrungen in der künstlerischen Ausgestaltung liegen kann. Inzwischen wird auch in der Fachliteratur die „Ästhetik als Therapeutikum“ wiederentdeckt (z.B. Martin Poltrum). Menschen mit Verlusterfahrungen möchte ich ermutigen, nach künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten Ausschau zu halten. Vielleicht kann ich Gedichte schreiben, Bilder malen, fotografieren …? Vielleicht fühle ich meine Erfahrungen aber auch in dem Kunstwerk eines anderen Menschen angemessen zum Ausdruck gebracht. Oft genug zeigt sich erst in der Beschäftigung mit Künstlerbiografien, dass diese selbst schwerste Schicksalsschläge (wie auch MS) zu verarbeiten hatten und ich als Rezipient der entsprechenden künstlerischen Verarbeitung davon profitieren kann.

  1. Vom Wert wahrer Freundschaft

Das Buch Hiob zeigt uns, wie wichtig wahre Freunde bei der Bewältigung von Leid und Verlusterfahrungen sind. Bereits ein altes chinesisches Sprichwort sagt, dass man in der Not erkennt, wer seine Freunde sind. Hiob hat das Glück, auf solche Freunde zählen zu können. Nach den „Hiobsbotschaften“ sind diese zuerst zur Stelle und die Gespräche mit ihnen nehmen nun mit den Kapiteln 4 bis 27 den größten Teil des ganzen Buches ein. Sie sind es, die Hiob nun nahe sind, die mitfühlen und zunächst sieben Tage mit Hiob schweigen können (2,13), um dann in den Gesprächen Hiob in seinem Schmerz auch zu anderen Sichtweisen anzuregen. Was wir mit Hiob lernen ist, dass Freunde helfen können, die eigene Situation noch einmal mit einem anderen Blickwinkel zu sehen und zumindest zu neuen Reflexionen und Perspektiven anzuregen. Doch das Buch Hiob zeigt auch die Grenzen auf. Die Freunde zeigen sich zunehmend mit der Situation überfordert, und ich denke, es bestätigt sich, wie problematisch es ist, Freunde als einzige oder vornehmliche Ressource zu beanspruchen und in diesem Sinne auch zu missbrauchen. Vielleicht muss sich die Unterstützung gerade in unserer heutigen vielfach vernetzten Zeit nicht auf einen bestimmten Freundeskreis beschränken: Selbsthilfegruppen oder andere Netzwerke können entsprechende Funktionen übernehmen. Hier gilt es, notwendige Informationen einzuholen und zu nutzen.

  1. Sterne in der Dunkelheit ergreifen

Hiob nimmt sich in den Gesprächen mit seinen Freunden alle Freiheit zu klagen. Doch es fällt auf, dass diese Klagen durchaus auch durchbrochen werden von Einsichten, die von Hoffnung und Zuversicht geprägt sind. Man bleibt nicht immer genau in einer Stimmungslage. Eine erste Hilfe ist die, die Differenzen in meiner Stimmung wahrzunehmen. Als Grundlage kann es hilfreich sein, meine in Leid und Verlust verallgemeinernden Gedanken zu differenzieren. Depressionsforscher haben festgestellt, dass dies allein schon eine antidepressive Wirkung mit sich bringt. Hiob jedenfalls hält auch an positiven Einsichten und Erfahrungen wie an Bekenntnissen fest, von denen das bekannteste im Kapitel 19 in den Versen 25 und 26 zu finden ist. Es gilt auch für uns heute, solche unerwarteten Sternstunden als Geschenke wahrzunehmen. Diesen vielleicht künstlerisch Ausdruck zu geben, sie wie ein Bekenntnis festzuhalten, oder diese in einer Art Portfolio darzustellen. Eine kleine Übung, die auch in diese Richtung deutet, ist die sogenannte Dankbarkeitsübung (z.B. nach Rosenberg). Es reicht, am Abend drei Dinge bewusst zu machen, diese am besten sogar schriftlich festzuhalten, für die ich dankbar sein kann oder über die ich mich heute gefreut habe. Das können scheinbar unscheinbare Kleinigkeiten sein, wie eine gute Tasse Kaffee oder die freundliche Zugewandtheit einer Kassiererin beim Einkauf. Allein die Bewusstmachung solcher kleinen Dinge führt nachweislich zu einer Veränderung, so dass sich die Stimmung bereits nach einer Woche in der Regel verbessert. Aber auch die wirklichen Highlights sollte ich nicht übersehen und entsprechend würdigen.

  1. Alles hat seine Zeit

Doch natürlich lässt sich gerade im Zusammenhang mit der Bewältigung von Leid und Verlusterfahrungen nichts erzwingen und schon gar nicht die Stimmung künstlich gestalten. Alles hat in diesem Prozess seine Zeit und alles braucht seine Zeit. So zieht sich das Buch Hiob hin und auch die Gespräche mit den Freunden ziehen sich hin, bis man den Eindruck gewinnt, die Beteiligten drehen sich nur noch im Kreis. Tatsächlich wird der regelmäßig gestaltete Gesprächszyklus zunehmend weniger. Es wurde schon angedeutet, dass auch die Freunde mit der Situation auf Dauer überfordert scheinen. Es gilt, das auch zu akzeptieren. Und es gilt zu akzeptieren, dass in der Bewältigung von Verlusterfahrungen durchaus mehrere und verschiedene Schritte gegangen werden müssen, die ihre begrenzte Bedeutung haben, aber im Gesamt der Bewältigung ihren Sinn haben. Ich muss Mut haben, dann auch Bewältigungsstrategien zu beenden und nach neuen Bewältigungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Ein indianisches Sprichwort lautet: „Ist das Pferd tot, dann steig ab!“ Ich muss und darf dann aber auch den Mut haben, völlig neue Bewältigungsschritte zu gehen und auszuprobieren.

Dass die verschiedenen Bewältigungsstrategien ihre je eigene Zeit brauchen und ich nicht im Schnellverfahren das Buch Hiob durcheilen kann, dafür sorgen sogenannte retardierende (verzögernde) Momente in der Erzählstruktur, die eine abschließende Antwort, die es so ja auch gar nicht gibt, immer weiter hinauszuzögern scheinen. Insofern mag es passen, an dieser Stelle den Gedanken des Hinauszögerns aufzugreifen und unseren Streifzug durch das Buch Hiob zu unterbrechen. Es ist gut, einzelne Impulse aufzunehmen und ihnen Zeit zu geben, ihre Wirkung entfalten zu können, diese Impulse auf diese Weise auch ausreichend zu würdigen. In einem zweiten Teil in der nächsten Ausgabe dieser Zeitschrift werden wir weitere sieben Impulse im Buch Hiob entdecken, die im Umgang mit der Diagnose MS und den entsprechenden Verlusterfahrungen zu einer konstruktiven Bewältigung beitragen können.

  1. Vom Trost der Philosophie

Die Auseinandersetzung mit dem Leid ist im Gespräch mit den Freunden ins Stocken geraten. Man kommt nicht mehr weiter. Hiob hält an dieser Stelle inne und reflektiert über die unhinterfragten Voraussetzungen der bisherigen Gespräche. Das ist ein Ausgangspunkt der Philosophie. Welche Voraussetzungen liegen meinen Überzeugungen zugrunde, mit denen ich nicht mehr weiterkomme? Ich begebe mich auf eine Metaebene und bekomme eine andere Perspektive. Die Weisheit, um die es hier geht, ist nicht als Wissen verfügbar, sie bleibt immer nur Annäherung an das, was Weisheit genannt wird, insofern „Liebe zur Weisheit“ (gr.: Philo-sophia). Diese Unverfügbarkeit kommt auch bei Hiob in einer veränderten Fragestellung zum Ausdruck: zunächst versucht er die Weisheit zu finden, um dann eine Haltung einzunehmen, bei der die Weisheit auf ihn zukommen kann. Es entspricht überlieferter Erfahrung vieler Menschen, die uns mitteilen, dass die Erfahrung von Leid ihnen Lebensweisheit geschenkt habe, auch wenn man sich selbst und anderen solche Erfahrungen lieber ersparen würde. Es gibt inzwischen auch viele Einführungen zu einer „Philosophie der Lebenskunst“, die auch die Frage nach philosophischem Umgang mit Leid und Verlust mit einschließen (z.B. Wilhelm Schmid, Schönes Leben?).

  1. Erkenne dich selbst!

Von der Philosophie ist es nicht weit zu dem Satz „Erkenne dich selbst“, der auf dem Tempel von Delphi als Leitspruch stand und  für Sokrates handlungsleitend wurde. Hiob ist nach der Diskussion und nach den Reflexionen zur Weisheit auf sich selbst zurückgeworfen. Diese Selbstreflexion schließt Vergangenheit, Gegenwart und Offenheit auf Zukunft hin ein. Hiob blickt in Kapitel 29 wehmütig auf seine glückliche Vergangenheit („als meine Schritte sich in Milch gebadet“ 29,6) zurück. Zur Selbsterkenntnis gehört es auch, das Gute der Vergangenheit festzuhalten, aber auch da, wo wir Fehler begangen haben, diese einzugestehen, uns gegebenenfalls.  dafür zu entschuldigen bzw. um Vergebung zu bitten. In Kapitel 30 setzt sich dann Hiob schonungslos mit seiner schmerzhaften Gegenwart auseinander: „nun zerfließt meine Seele in mir, … Nachts durchbohrt es mir die Knochen …“ (30,16.17). Schließlich setzt sich Hiob auch mit seinen innersten Motiven auseinander und kann schließlich aus der entsprechenden Erkenntnis heraus Gott gegenüber treten und ihn herausfordern und bleibt somit auf unbekannte Zukunft hin offen: „Das ist mein Begehr, dass der Allmächtige mir Antwort gibt: …“ (31,35). Zum Heilwerden (etymologisch: „Ganz-Werden“) gehört es, die eigene persönliche Vergangenheit zu integrieren, die Gegenwart einschließlich meiner Bedürfnisse und Motive achtsam wahrzunehmen und mich für eine wie auch immer geartete Zukunft offenzuhalten. Aus therapeutischer Perspektive ist festzuhalten, dass es sich als hilfreich erwiesen hat, solche Selbstreflexion auch schriftlich zu gestalten. Interessanterweise verweist auch Hiob in diesem Kontext auf ein „Schriftstück“. Freilich kommt auch die Selbsterkenntnis an ihre Grenzen. Gerade so hoch selbstreflektierte Menschen wie Augustinus und Kierkegaard kommen zu der Erkenntnis, dass sie sich selbst doch noch das größte Rätsel geblieben sind.

  1. Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

In der Gestalt des Elihu taucht wie aus dem Nichts ein vierter Freund auf, der behauptet, die ganze Zeit bereits anwesend gewesen zu sein. In dieser Gestalt vereinen sich Züge eines Seelsorgers sowie eines Psychotherapeuten im ursprünglichen Sinn. Es zeigt sich, dass es nicht verkehrt ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei dies nun in spiritueller Hinsicht oder psychotherapeutischer Hinsicht. Elihu kennt die wirksamen Basisvariablen einer therapeutischen Beziehung, um einen angstfreien Raum zu eröffnen, in dem sich echte Selbstbegegnung ereignen kann, z.B.: „Schau, ich bin wie du vor Gott, auch ich bin nur aus Lehm geformt. Furcht vor mir braucht dich nicht zu erschrecken, Druck von mir nicht auf dir lasten.“ (33,6.7) Es ist schließlich auch Elihu, der mehrere neue Aspekte und Ansätze in die Bewältigung von Leid und Verlust einbringt: Ich kann Leid als Prüfung betrachten, in der ich mich zu bewähren habe („durch Leid geprüft werden“, 36,21), in der sich neue Zugänge eröffnen („durch Bedrängnis sein Ohr öffnen“, 36,15). Auch lädt Elihu ein, auf Träume zu achten und still zu werden, „um die Wunder Gottes zu betrachten“ (37,14), freilich auch in dem Wissen, dass wir den Allmächtigen selbst nicht ergründen werden (27,23). Ich kann an dieser Stelle nur ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und möchte hier auch den Seelsorger oder einen spirituellen Begleiter mit einschließen. Maßstab sollte sein, dass ich mich als von Verlusterfahrungen Betroffener aufgehoben fühle und schließlich auch wieder neue Aspekte im Hinblick auf meine persönliche Bewältigung im Rahmen solcher Unterstützung gewinnen kann.

  1. Von der Heilkraft der Natur

In den letzten Kapiteln des Buches Hiob findet eine intensive Begegnung mit der Natur statt, zunächst mit der unbelebten und vegetativen Natur (38,1-38), dann mit verschiedenen Tieren. Insbesondere in der Begegnung mit den Tieren begegnet Hiob seinen verschiedenen Ängsten und Befürchtungen. Tiefenpsychologisch eröffnet das Leid in der Begegnung mit den z.T. „unreinen“ Tieren die Auseinandersetzung und Integration der sogenannten Schattenseiten (C.G. Jung). Leid dient so der persönlichen Reifung. Das ist keine hohle Phrase, sondern wird von vielen Betroffenen auch so beschrieben. Oft geschieht das über einen neuen Zugang zur Natur. Vielen Betroffenen sind tatsächlich auch Tiere eine große Unterstützung. Es ist auch nicht verkehrt, sich einmal zu fragen, welches Tier einen selber auf dem Weg der Verarbeitung von Verlusterfahrungen als inneres Symbol „begleiten“ kann.

  1. Offenheit für Spiritualität und Mystik

Die Begegnung mit der Natur wird im Buch Hiob bereits als Gottesbegegnung dargestellt, in Form zweier Reden aus dem Wettersturm. Hier deutet sich an, was schließlich Ignatius von Loyola zum Grundprinzip seiner Spiritualität gemacht hat, nämlich, dass in allen Dingen Gott zu suchen und zu finden sei, in der Natur, aber eben auch im Leid sowie im Prozess der Bewältigung desselben. In der Tat berichten viele Betroffene im Zusammenhang mit Leid und Verlusten von ganz neuen spirituellen Erfahrungen. Hiobs spiritueller Durchbruch kommt in den letzten Versen des poetischen Teils zum Ausdruck, in seiner abschließenden Antwort auf die Reden Gottes (42,1-6): „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ (42,5) Offensichtlich ermöglicht erst die Erfahrung von Leid und existenziellen Verlusten eine solche intensive Gotteserfahrung, die schließlich nur noch in mystischer Umschreibung wiedergegeben werden kann. Die üblichen Übersetzungen der entsprechenden Verse verdecken zumeist die mystische Dimension der hebräischen Worte, so dass gerade für diese Verse Interpretationshilfen zu Rate gezogen werden sollten (z.B. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Ein Weg durch das Leid – Das Buch Hiob). Eine solche Mystik ist keineswegs auf eine bestimmte Religion beschränkt, so wie übrigens auch der „fromme“ Hiob nicht dem „Gottesvolk“ anzugehören scheint.

  1. Beziehungsfähigkeit entwickeln

In den letzten Versen kommt eine tiefgreifende Veränderung Hiobs zum Vorschein. Er ist in jeder Hinsicht beziehungsfähiger geworden, seinen Freunden, seinen Verwandten und seinen Kindern gegenüber. In der Rahmengeschichte werden Hiob, nachdem er seine 10 Kinder verloren hatte, wieder 10 Kinder geboren. Diese Geschichte ist psychologisch zu verstehen. Tatsächlich offenbart das Leid nur die Oberflächlichkeit und Brüchigkeit der meisten bisherigen und scheinbar stabilen Beziehungen. Insofern können diese Beziehungen auch als „tot“ wahrgenommen werden. Doch die Bewältigung von Leid und Verlust macht beziehungsfähiger, Hiob ist sensibler geworden, letzten Endes menschlicher. Am schönsten und eindrücklichsten ist das in seiner veränderten Beziehung zu den drei Töchtern abzulesen. Waren im alten Orient und im alten Israel die Töchter nur von untergeordneter Bedeutung, so werden sie nun als vollwertige Personen erstmals wahrgenommen und gewürdigt. Sie erhalten zärtliche Kosenamen und bekommen, entgegen altorientalischer Tradition, gleicherweise Erbbesitz.

  1. Aus der Hoffnung leben

Das Buch Hiob endet mit einem großartigen Happyend. Offensichtlich bekommt Hiob alle seine Verluste wieder doppelt und dreifach ersetzt. Es kommt hier eine oberflächliche Struktur in der Geschichte zum Tragen, die einfach nur Mut machen will, auszuhalten und aus einer Hoffnung zu leben. Vielleicht geben solche Visionen auch die notwendige Kraft. Doch hintergründig zeigt sich, dass es darum gar nicht geht. Es geht um eine viel tiefgründigerere echte Heilung, die darin besteht, dass der leidende Mensch gerade durch seinen Bewältigungsprozess erst umfassend beziehungsfähig geworden ist und damit erst in einem vollen Sinn, trotz Krankheit, „ganz“ Mensch, d.h. „heil“ (gr. „hyle“ = ganz) geworden ist. Diese Hoffnung vermittelt uns das Buch Hiob, von dem wir uns heute noch ansprechen lassen dürfen.

Marko Bartholomäus