Neues aus der MS-Forschung

In regelmäßigen Abständen wollen wir hier Neuigkeiten aus der MS-Forschung vorstellen. Forschung, die z.B. gerade erst gestartet ist oder bereits ergebnislos beendet wurde, wo also jeweils nicht viel Datenmaterial vorliegt, um einen ganzen Artikel dazu zu machen, die aber dennoch interessant ist.

30.06.2020

Eine Forschergruppe unter Federführung der neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz hat die Ergebnisse zur Bestimmung der Neurofilament Leichtketten Proteine (NFL) im Blut von Studienteilnehmern der deutschen MS-Kohortenstudie1 veröffentlicht.2 Die Kohortenstudie schloss 1000 Patienten, die zu Beginn der Studienteilnahme noch unbehandelt waren, ein und soll sie über mindestens 10 Jahre beobachten. Zusätzlich zum klinischen Verlauf wurden verschiedenen Begleitstudien initiiert, so auch die Bestimmung der NFL. NFL-Erhöhungen gelten als Nachweis eines Nervenzellschadens. Heraus kam, dass im Blut bei Betroffenen, die im weiteren Verlauf mit stärkeren Immuntherapien behandelt wurden, schon zu Beginn erhöhte Werte der NFL im Vergleich zu denjenigen, die schwächere Immuntherapien oder gar keine Immuntherapie bekamen, vorhanden gewesen waren. Die Höhe der NFL steht darüber hinaus mit der Läsionsanzahl in der MRT und mit der Schubrate in Zusammenhang. Die NFL-Werte gingen im zweijährigen Verlauf bei allen Betroffenen zurück, am deutlichsten aber bei denen, die mit stärkeren Immuntherapien behandelt wurden. Die Diagnostik der MS wurde durch die Hinzunahme des NFL-Werts genauer. Die Forscher interpretieren ihre Ergebnisse so, dass NFL als Prognosefaktor dienen könnte, der bei Therapieentscheidungen zu Beginn hilft, und gleichzeitig als Biomarker, mit dem man auch das Ansprechen auf die Therapie messen könne. Leider enthält die Veröffentlichung keine Daten zum Behinderungsverlauf der Betroffenen. Dies wäre nämlich der Goldstandard des Nutzens eines Biomarkers für die Verlaufserhebung der Multiplen Sklerose. Hängen hohe NFL-Werte mit einer stärkeren Behinderungsprogression zusammen und kann diese durch die „Therapie nach NFL-Wert“ verbessert werden? So weit ist man noch nicht, auch weil NFL im Blut noch längst nicht von allen Kliniken überhaupt bestimmt werden kann.


Ein wenig eklig mutet der Therapieansatz an, MS-Betroffene mit Würmern zu infizieren, um die Entzündungsaktivität der MS zu vermindern. Zurück geht das auf die Beobachtung, dass bei Betroffenen, die an einer parasitären Erkrankung litten, die Schubrate niedriger war als bei Betroffenen ohne eine solche Erkrankung. Die „Hygiene-Hypothese“ vermutet ja, dass allergische und autoimmune Erkrankungen des Menschen sich deshalb vor allem in Ländern mit höherem Hygienestandard häufen, weil das Immunsystem quasi unterbeschäftigt ist. Es gab schon mehrere Studien mit den Eiern des Schweinepeitschenwurms, die einen Rückgang der Läsionen in der MRT ergaben, die aber keine Kontrollgruppe gehabt hatten. Die Eier des Schweinepeitschenwurms sind nicht in der Lage, den Menschen zu infizieren, aber sie können im Darm eine Immunreaktion auslösen. Nun hat ein britisches Forscherteam ihre Studienergebnisse zu einer tatsächlichen Wurminfektion berichtet, und zwar einer mit N. americanus, dem Hakenwurm, der sich im Körper fortbewegt und sich letztlich im Darm festsaugt.3 Hier gab es eine Kontrollgruppe. Das primäre Ziel der Arbeit war der Nachweis einer Reduktion von Hirnläsionen in der MRT, das aber verfehlt wurde. Dagegen war die Schubrate in der Gruppe der Studienteilnehmer mit Hakenwurminfektion mit 5 Schüben niedriger als in der Placebokontrollgruppe (11 Schübe). Es handelte sich mit zusammen 35 Patienten nur um eine sehr kleine Studie, die als „negativ“ gilt, weil das primäre Ziel verfehlt wurde. Für Betroffene wäre die Schubratenreduktion allerdings wichtiger als eine Verhinderung von Flecken in der MRT. Die Therapie war gut verträglich. Insgesamt muss man sich fragen, ob man ernsthaft eine Parasiteninfektion als Therapie einsetzen will, bzw. wie lange der Therapieeffekt überhaupt aufrecht zu erhalten ist, denn diese Infektion verursacht irgendwann dann auch eine Anämie über einen chronischen Blutverlust durch die Würmer. Und drittens ist auch das wieder nur ein Ansatz gegen die entzündliche Krankheitsaktivität der MS ohne Nachweis eines Nutzens auf die langfristige Behinderung.


Schon im März gab der Hersteller des Hochdosis-Biotin-Präparats Quizenday bekannt, dass die große Studie, die den Nachweis von Behinderungsverbesserungen durch die Substanz in einer vorangegangenen kleinen Studie4 hätte bestätigen sollen, nicht erfolgreich war.5 In allen Zielgrößen konnte keine Überlegenheit von Hochdosis-Biotin gegenüber Placebo nachgewiesen werden. Dies ist natürlich eine Enttäuschung, da die vorangegangenen Studien mit keinen Fallzahlen so eindeutig positiv erschienen. Man kann daraus lernen, dass man für alle Studienergebnisse, die zuerst schön aussehen, erst einmal die Bestätigung einholen sollte. Das Studiendesign war ja sehr ambitioniert gewesen. Untersucht wurden Betroffene mit primär oder sekundär progredienter MS (PPMS oder SPMS). Innerhalb einer Behandlungsdauer von 15 Monaten sollten sich in der Biotingruppe Verbesserungen der Gehgeschwindigkeit oder des EDSS im Vergleich zu einer Placebogruppe einstellen. Normalerweise untersucht man MS-Betroffene gar nicht auf Verbesserungen der Behinderung, sondern auf eine Verminderung des Fortschreitens der Behinderung. Unklar bleibt, ob es noch weitere Forschung hierzu geben wird.

22.05.2020

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der MSBase-Kohorte hat die klinische Marker im ersten Jahr der MS mit dem späteren Verlauf verglichen. 6 Heraus kam, dass eine Dreier-Kombination aus „Alter über 35 Jahren beim Einsetzen der ersten MS-Symptome“, „Erreichen eines EDSS von mindestens 3,5 7 im ersten Jahr“ und „Pyramidenbahnzeichen (z.B. Gangspastik)“ eine positiven prädiktiven Wert von 0.15 für das Erreichen eines dauerhaften EDSS von mindestens 6 schon innerhalb der ersten 10 Krankheitsjahre hatte, was mit einer aggressive MS gleichgesetzt wurde. Nur 32% der Patienten in der Studie mit einem solch schweren MS-Verlauf hatten im ersten Jahr diese Befundkonstellation aus Alter und früher Behinderungsprogression auch wirklich gehabt, 68% nicht. Also eignet sich auch diese Befundkonstellation nicht, um daraus dem Einzelnen eine sicher schlechte Prognose zu stellen. Diese Studie ist aber wegen des zweiten Ergebnisses viel interessanter. War diese Befundkonstellation nicht gegeben, dann entwickelten nur 1,4% der Betroffenen diese aggressive MS. Also kann man immer noch nicht am Anfang der MS sagen, wer einen schweren MS-Verlauf entwickeln wird, aber man weiß besser, bei wem das Risiko dafür sehr klein ist.

20.05.2020

Eine kleine belgische Studie untersuchte, wie 27 Menschen mit Multiple Sklerose reagierten, wenn sie entweder im Takt einer Musik, im Takt eines Metronoms oder in Stille 12 Minuten am Stück gingen, und verglichen die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe 28 Gesunder.8 Zusätzlich wurden die empfundene motorische und kognitive Fatigue, die Motivation und das Gangbild getestet. Alle Studienteilnehmer synchronisierten ihr Gangbild gut zur Musik und zum Metronom, allerdings machten die MS-Betroffenen es besser. Schrittlänge, Geschwindigkeit und Trittfrequenz nahmen bei allen ab, außer der Trittfrequenz bei Gesunden. Die MS-Betroffenen erlebten geringere kognitive Fatigue, eine gleichbleibende motorische Fatigue und eine höhere Motivation bei Musik im Vergleich zum Metronom alleine oder zur Stille. Die Studie hat letztlich bestätigt, was man eigentlich schon selbst so empfunden hat: Mit Musik ist Training leichter!

31.03.2020

Ein Team an der Johns-Hopkins-Universität hat eine klinische Phase1/2-Studie an Patienten mit primär progredienter MS (PPMS) aufgelegt, die zunächst Sicherheit und kurzfristige Wirkung von Tauroursodesoxycholsäure, einer Gallensäure, untersuchen soll.9 Verglichen wird mit Placebo. Gallensäuren werden im Körper von der Leber produziert, über die Gallenwege in den Darm ausgeschieden, und dienen dazu, die Fette in der Nahrung besser verdaulich zu machen. Hintergrund für die Studie ist die Beobachtung, dass besonders Betroffene mit PPMS erniedrigte Spiegel von Gallensäuren haben. Die Forscher entdeckten ebenfalls, dass Zellen in MS-Gehirnläsionen, sowohl Nervenzellen als auch Makrophagen (Fresszellen), Rezeptoren für Gallensäurenaufweisen, die über diese Rezeptoren neuroprotektive Eigenschaften zu entfalten scheinen. Dies ist ein völlig neuer Ansatz. Die Studie soll Ende 2020 abgeschlossen sein.

20.04.2020 

Eine Arbeitsgruppe des Max-Delbrück-Zentrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) stellte in einer Pressemitteilung ihre Grundlagenarbeit am Mausmodell der MS vor. 10 Die Arbeitsgruppe verfolgte einen grundlegend neuen Ansatz, sie verwendete einen bestimmten Antikörper, um eine bestimmte Unterart der Monozyten absterben zu lassen. Monozyten gehören im Gegensatz zu den Lymphozyten, die das Ziel aller zur Zeit verfügbaren Immuntherapien sind, zum einem anderen Teil des Immunsystems, dem angeborenen Immunsystem. Monozyten werden auch als Fresszellen bezeichnet, und sind diejenigen, die bei MS den eigentlichen Nervenschaden verursachen. Im Mausmodell bildeten sich die Symptome der Tiere sehr schnell zurück, nachdem die Monozyten abgestorben waren. Es bleibt abzuwarten, ob klinische Studien zu diesen Antikörpern folgen werden.

28.04.2020

Drei bereits für andere Erkrankungen zugelassene Medikamente, Amilorid, Riluzol und Fluoxetin, waren in einer groß angelegten radomisierten Studie bei Patienten mit sekundär progredienter MS (SPMS) in Bezug auf neuroprotektive Eigenschaften im Vergleich zu einer Placebobehandung untersucht worden. Leider konnte die Studie keine Unterschiede zwischen den Behandlungsarmen zeigen. 11 Medikamentöse Neuroprotektion ist also weiterhin noch nicht möglich. Sport dagegen geht natürlich immer.

 

Quellen   [ + ]

1. siehe: https://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/forschung/klinische-studien-register/ms-kohortenstudie
2. siehe: https://medizin-aspekte.de/die-prognose-bei-multiple-sklerose-120174/ https://www.thelancet.com/pdfs/journals/ebiom/PIIS2352-3964(20)30182-1.pdf
3. siehe: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113828/Multiple-Sklerose-Hakenwuermer-erzielen-in-randomisierter-Studie-nur-schwache-Wirkung
4. siehe: Tourbah A et al., MD1003 (high-dose biotin) for the treatment of progressive multiple sclerosis: A randomised, double-blind, placebo-controlled study. Multiple Sclerosis Journal 2016, Vol. 22(13) 1719– 1731
5. siehe: https://www.medday-pharma.com/2020/03/10/medday-reports-top-line-data-from-phase-iii-trial-spi2-for-treatment-of-progressive-forms-of-multiple-sclerosis
6. siehehttps://www.neurodiem.de/news/early-clinical-markers-of-aggressive-multiple-sclerosis4jpd7VN4rChHNbBrXEYrxG und https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32386427/?from_single_result=Malpas+Brain+multiple+sclerosis&expanded_search_query=Malpas+Brain+multiple+sclerosis
7. Das entspricht einem relativ schnellen und spürbaren Fortschreiten der Behinderung im ersten Erkrankungsjahr, denn eine EDSS von 3,5 ist etwa dann erreicht, wenn der Übergang in die SPMS im Gange ist.
8. siehe https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2211034819303074 und https://physiotherapeuten.de/news/2020/05/multiple-sklerose-musik-hat-positiven-effekt-auf-das-gehen/
9. https://multiplesclerosisnewstoday.com/news-posts/2020/03/31/bile-acid-supplements-may-ease-inflammation-symptoms-progressive-ms/?fbclid=IwAR0uu5ny1vYKEVaNk5A9v52zodgOqmfcxWda1Yp8h-XPdRfWEr-rMlrJQYE und https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03423121
10. https://www.mdc-berlin.de/de/news/press/neue-therapie-chancen-fuer-multiple-sklerose-sicht
11. https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/sekundaer-progrediente-ms-neue-substanzen-enttaeuschen-14192/ und https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31981516