Worum wir streiten IV

Als im März 2020 innerhalb kürzester Zeit Schulen und Universitäten, Geschäfte, Behörden, Freizeit- und Kultureinrichtungen wegen des Corona-Virus geschlossen wurden, blieb der Bevölkerung nichts anderes übrig, als zuhause zu bleiben. Von einem auf den anderen Tag mit einer Situation konfrontiert zu sein, die das bisherige Leben auf den Kopf stellt, das kennen MS-Betroffene vom Tag ihrer Diagnose an oder nach einem schweren Schub. Aber wächst daraus zukünftig auch mehr Verständnis für MS-Betroffene? Nathalie Beßler und Jutta Scheiderbauer streiten.

Jutta Scheiderbauer:
Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie es sich anfühlt, abgeschnitten zu sein von dem, was draußen passiert und in aufgezwungener Isolation zu Hause bleiben zu müssen. Vor Corona haben sich viele, wenn man von der eigenen Erkrankung erzählt hat, nicht vorstellen können, wie das ist, aber mit Corona wurde das plötzlich sehr anschaulich. So konnte man erklären: mit der Corona-Pandemie ist es so wie bei einem MS-Schub. Man macht sich Sorgen und weiß nicht, wie lange das noch so weiter geht und ob das noch mal besser wird. Mit Corona wurden auch in kürzester Zeit Dinge möglich, die vorher unmöglich schienen: digitale Kulturveranstaltungen, digitales Studium, Home-Office oder Online-Sprechstunden bei Ärzten. Viele Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung drückten in den sozialen Medien zum einen ihre Erleichterung darüber aus, nicht mehr die kraftraubende und stressige Anreise zu einem Termin machen zu müssen, unterwegs vielleicht keine Toilette zu finden und im Theater oder Kino auch nicht nach barrierefreien Sitzplätzen suchen zu müssen. Sie drückten aber auch ihre Hoffnung aus, man möge sie nicht vergessen, wenn das alles einmal vorbei sei.Ich glaube, die Corona-Zeit wird nicht so schnell vergessen und vieles, was nun möglich wurde, wird auch nach Corona noch möglich sein. MS-Betroffene können in diesen Zeiten für andere da sein und ihrem Umfeld zeigen, wie es gelingen kann, mit einer plötzlichen Veränderung des Lebens umzugehen.

Nathalie Beßler:
Ist die Bevölkerung nun, dank Corona, sensibler für das, was für manche MS-Betroffene Alltag ist? Ich bezweifele das, denn Corona hat eine solche Vielzahl an Problemen aufgeworfen, die so schnell wie möglich überwunden werden sollen, dass die Sorgen und Bedürfnisse von MS-Betroffenen und Menschen mit Behinderungen schnell in Vergessenheit geraten werden. Home-Office ist ja schön und gut, aber was, wenn man gar keine Beschäftigung hat oder entlassen wurde? Digitale Kulturveranstaltungen bringen meist kein Geld ein, Kinos und Theater werden zum Regelbetrieb zurückkehren, sobald sie können und falls sie überleben. MS-Betroffene haben in der Beratung zwar auch berichtet, dass sie froh waren, während der Corona-Zeit einfach mal ihre Ruhe zu haben. Viele hat Corona aber in Angst und Schrecken versetzt, denn mit einer MS gehören sie, je nach Immuntherapie oder Begleiterkrankungen, zur Risikogruppe. Und die Isolation hat denen, die schwer betroffen sind, den Alltag oft eben nicht einfacher gemacht. Corona zu nutzen, um sich zu solidarisieren mit all jenen, die auch wegen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung gerade eine schwere Zeit durchmachen und von der so genannten Triage1 betroffen sein könnten, das ist bisher verpasst worden. Auch nach drei Monaten Corona-Pandemie werden die Stimmen von MS-Betroffenen vermutlich kein Gehör finden.

Quellen   [ + ]

1. Triage bezeichnet ein „methodisch spezifiziertes Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistung, insbesondere bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und objektiv unzureichenden Ressourcen“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Triage [06.07.2020]). Im Zuge der Corona-Pandemie äußerten Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen ihre Sorge, im Fall eines Mangels an Beatmungsgeräten „aussortiert“, d.h. nicht behandelt zu werden.