Was verloren ist

Die Fotos, die die fünfte Ausgabe der ZIMS schmücken, lassen sich einem eigenen, jungen, Genre zuordnen und sind Synonyme für ein Leben mit MS. Ein Gespräch mit dem Fotografen Philipp Baumbach.

1982 in Trier geboren, hat er als Landschaftsgärtner gearbeitet und lebt dort bis heute, mit seiner Frau und den beiden Söhnen. Das Fotografieren habe er sich selbst beigebracht, erzählt er, richtig „reingefuchst“ habe er sich da und auch viele Bilder von anderen Fotografen angeschaut. Einige Jahre später entdeckte er die „Urban Exploration“ für sich. Zusammen mit Freunden fuhren sie Touren, dreimal die Woche, durch ganz Deutschland, nach Frankreich und Belgien, zu so genannten „lost places“, also verlassenen Wohnhäusern, Bunkern, städtischen Einrichtungen und Industrieruinen. Die Orte werden erkundet und ausgiebig fotografisch dokumentiert. Es handelt sich hierbei um ein junges Genre der „Ruinenfotografie“. Dabei sind seine Bilder nicht gestellt. „Ich finde die Szenen so vor und verändere nichts. Ich laufe durch die Häuser und wenn mir etwas gefällt, dann fotografiere ich es“, erzählt er.

Mit dem Fotografieren hätte er gern Geld verdient, erzählt Philipp Baumbach, es gab auch schon die ersten Aufträge, auf Hochzeiten und für Werbung. Aber dann, genau an seinem 30. Geburtstag, wurde bei ihm MS diagnostiziert. Die linke Seite war gelähmt, dazu kamen Doppelbilder. Das Fotografieren zum Beruf machen, diese Idee hat er danach nicht weiter verfolgt. Er war damit beschäftigt, wieder auf die Beine zu kommen, sein erster Sohn war da gerade vier Jahre alt. Aber „urbexen“ ging er auch weiterhin: „In diese lost places bin ich dann eben reingehumpelt.“ Und wie funktionierte das Fotografieren mit Doppelbildern? „Na“, sagt er, „ich hab einfach ein Auge zugemacht.“ „Das Fotografieren war meine Depressionstherapie.“ Und urbexen geht er bis heute: „Ich kann zwar keine fünf Minuten am Stück gehen, aber ich gehe stundenlang auf Tour und klettere durch die Ruinen.“

Einiges hat sich dennoch verändert. Zum einen gibt es die alte Crew, mit denen er Touren gemacht hat, nicht mehr, denn berufliche oder familiäre Verpflichtungen lassen bei den anderen oft keine Zeit mehr dafür. Auch die Szene hat sich verändert, erzählt Philipp Baumbach:  „Als ich angefangen habe, war auf einem verfallenen Gelände vielleicht noch ein anderer Urbexer, und da haben wir uns noch voreinander versteckt. Heute tummeln sich in einem verfallen Haus mal eben acht Fotografen auf einer Etage.“ Das Urban Exploring ist Mainstream geworden, einige der Fotografen hätten zwar tausende Fans in den sozialen Medien, hätten aber mit den Ursprüngen der Bewegung nicht mehr viel zu tun, weil sie Motive bewusst gestalten, anstatt zu dokumentieren, was sie vorfinden.

Zum anderen ist, jetzt wo er seine MS gut einschätzen kann und einigermaßen im Griff hat, die Sehnsucht nach einem Beruf wieder größer. Als Landschaftsgärtner kann er nicht mehr arbeiten, dazu fehlen die Kraft und Ausdauer. Und bei der Vielzahl der Fotografen in der Stadt ist es schwer, da Fuß zu fassen. Aber mal sehen, was sich da noch ergibt, sagt er: „Wie es kommt, kommt‘s halt.“

Unverändert bleibt, wie düster viele seiner Fotos sind, auch wenn manchmal ein Licht von irgendwoher kommt oder er eine komische Szene entdeckt, wie zum Beispiel die mit dem riesigen Hai aus Pappmaché und Alufolie, der in einem baufälligen Haus im Badezimmer neben der Lampe hing. Seine Fotos bleiben, so sagt er, Ausdruck des „Zerfallenen, Kaputten, dem, was mal schön war“ und etwas leiser: „also ein bisschen so wie ich“.

Das Interview führte Nathalie Beßler

Diesen Artikel im PDF-Format lesen
Die komplette Ausgabe der ZIMS 5 findet sich hier.