Schön blond

Ob Nahrungsergänzungsmittel, Heilsteine oder Chlorbleiche, jedes Jahr verkünden uns vermeintliche Experten neue Ansätze, mit denen man MS heilen oder zumindest erfolgreich behandeln können soll. Einer dieser neuen „Trends“ ist die Einnahme von Wasserstoffperoxid.[1] So heißt es auf der Webseite des Anbieters: „Welche Erkrankungen können mit Hilfe von Wasserstoffperoxid behandelt werden? Gefäßerkrankungen des Gehirns, Alzheimer, Herz- und Gefäßerkrankungen, Angina, Asthma, Emphyseme, Leukämie, Diabetes, Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Morbus Parkinson, Migräne, Krebs und sogar AIDS …“.[2] Zeit, sich die vollmundigen Versprechungen einmal genauer anzusehen.

Was ist Wasserstoffperoxid?

Wasserstoffperoxid, chemisch H2O2, ist eine schwache Säure, die als Bleich- und Desinfektionsmittel eingesetzt wird.[3] Diese Flüssigverbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff findet beispielsweise in der Lebensmittelindustrie in der Reinigung von PET-Flaschen, beim Bleichen von Papier und Haaren oder dem Aufhellen von Zähnen (Bleaching) Anwendung. [4]

Etwas, was nur aus Wasser und Sauerstoff besteht, kann doch nicht gefährlich sein?

Auch wenn Wasserstoffperoxid-Lösungen in Apotheken frei erhältlich sind, ist die Substanz nicht ungefährlich. Bei der Aufhellung der Zähne mit Wasserstoffperoxid greift dieses mitunter Kunststoff- und Amalgam-Füllungen an, auch der Zahnersatz kann dadurch beschädigt werden.

Hoch konzentriert führt die Lösung beim Einatmen zu Verätzungen der Atemwege, Schleimhautentzündungen und Lungenödemen. Über Magen oder Haut kann die Substanz ins Blut gelangen und löst dann Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Krämpfe und Kreislaufprobleme aus. Es kann sogar zum Tod durch Ersticken kommen, denn das Mittel führt zur Schaumbildung im Magen, was einen Atemstillstand hervorrufen kann.4

Aber es gibt doch Studien, die eine Wirksamkeit beweisen!

Vielfach wird behauptet, es gäbe hunderte von Studien, welche die Wirksamkeit von Wasserstoffperoxid beweisen würden. Bei der Prüfung einer Literaturliste1 zu dem Thema fielen dann verschiedene Probleme auf, die leider typisch für die Argumentation der selbsternannten „Heilsbringer“ aus dem Internet sind.

  1. Es werden Daten aus Tierexperimenten oder die Wirksamkeit auf Zellkulturen angeführt.[5] [6] [7] Diese Ergebnisse sind aber gar nicht oder nur im geringen Umfang auf den Menschen übertragbar. Ein Beispiel für die unterschiedliche Wirkung bei Mensch und Tier ist das Schlafmittel Thalidomid. Nach Tierversuchen an Mäusen und Ratten wurde es als unbedenklich eingestuft. Nach der Zulassung zeigte sich dann, dass das Medikament Schädigungen beim ungeborenen Kind hervorrief.[8]
  2. Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen. So wird beispielsweise ein Artikel aus dem Magazin „Focus“ zitiert, der über den körpereigenen Prozess der Wundheilung berichtet, an dem auch Wasserstoffperoxid beteiligt ist. Die Untersuchung macht keinerlei Aussage dazu, ob oral aufgenommenes Wasserstoffperoxid einen positiven Nutzen hat.[9]
  3. Viele der zitierten Studien erschienen zum Teil schon in den sechziger und siebziger Jahren.[10] [11] Das damals verwendete Studiendesign sorgt dafür, dass die gewonnenen Daten wenig aussagekräftig sind bzw. eine Wirksamkeit damit nicht bewiesen werden kann.

Zusammenfassend kann man sagen, ja, es gibt Studien, die zitiert werden; diese liefern nicht nur keine Beweise, sondern haben oft inhaltlich noch nicht einmal etwas mit der Frage zu tun, wie Wasserstoffperoxid innerlich angewendet wirkt.

Wasserstoffperoxid ist eine Substanz, die mit Vorsicht zu genießen ist, selbst bei sachgemäßer Anwendung gibt es Risiken und Nebenwirkungen. Die aktuelle Datenlage bietet keine Grundlage, auf der die Substanz als Therapie für MS zu empfehlen oder der Gebrauch auch nur in Erwägung zu ziehen ist. Lassen Sie also besser die Finger davon, es sei denn natürlich, Sie möchten sehr blond werden, dann führt wohl kein Weg dran vorbei.

Christiane Jung

Quellenangaben:

[1] Nexus Magazin: Dr. habil. Jochen Gartz „Wasserstoffperoxid das vergessene Heilmittel“ https://www.nexus-magazin.de/artikel/lesen/wasserstoffperoxid-das-vergessene-heilmittel (14.09.2018)

[2]Russische Heilgeheimnisse Blog und Shop zu alternativen Heilmethoden: https://www.russische-heilgeheimnisse.com/heilgeheimnisse/wasserstoffperoxid-guenstig-und-sehr-wirksam-nicht-nur-beim-bleichen-der-haare/ (14.09.2018)

[3] Seite „Wasserstoffperoxid“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. September 2018, 16:21 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wasserstoffperoxid&oldid=180852709 (14.09.2018)

[4] Seite „Wasserstoffperoxid“. In: Medilexi, Medizin-Lexikon & Gesundheits-Ratgeber. Bearbeitungsstand: 30. August 2018 URL: https://medlexi.de/Hauptseite

[5] Ogawa, Y. et al.: „New radiosensitization treatment (KORTUC 1) using hydrogen peroxide solution – soaked gauze bolus for unresectable and superficially exposed neoplasma“ in Oncol. Rep., 2008, 19(6):1389–1394

[6] Yoshizaki, K. et al.: „Pro-senescent effect of hydrogen peroxide on cancer cells and its possible application to tumor suppression“ in Biosc. Biotechnol. Biochem., 2009, 73:311–315

[7] Chen, Q. et al.: „Pharmacologic doses of ascorbate act as a pro oxidant and decrease growth of aggressive tumor xenografts in mice“ in PNAS, 2008, 105(32):1105-1109

[8]Elsner, A.: „MEDIZINREPORT: Tierversuche: Die Relevanz für den Menschen ist umstritten“ Dtsch Arztebl 2004; 101(38): A-2511 / B-2118 / C-2038 https://www.aerzteblatt.de/archiv/43418/Tierversuche-Die-Relevanz-fuer-den-Menschen-ist-umstritten (14.08.2018)

[9] „Wundheilung: Wasserstoffperoxid aktiviert Immunabwehr“ auf Focus Online,03.06.2009; http://tinyurl.com/qv2om3 (14.09.2018)

[10] Grotz, W. (Hrsg.): Marchand, C.: „The therapeutical applications of hydrozone and glycozone.“ (New York, NY: ECH2O2 Publishing, 1896, Reprint 1989) Hauschild, F.; Ludewig, R., Mühlberg, H.: „Über die‚ ätzende‘ Wirkung von Wasserstoffperoxid“ in Arch. exper. Path. u. Pharmakologie, 1958, 235:51

[11] Hauschild, F., Ludewig, R.: „Lokale Sauerstofftherapie durch epikutane Anwendung von Wasserstoffperoxyd“ in Dt. Ges. Wes., 1959, 14:17112.

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